Blog Design Das große scharfe ß

Juni 2021

Das große scharfe ß

Ein Buchstabe mit Charakter

Lesezeit: 6 Minuten

ß in verschiedenen Schriftarten

Das große und kleine ß

Am 29.06.2017 erschütterte eine folgenschwere Entscheidung des Rats für Rechtschreibung die deutsche Gestalter- und Typografenszene. Die Großbuchstabenvariante des ß (Versaleszett) wurde offiziell zugelassen und ist somit Teil der deutschen Rechtschreibung. Diese Entscheidung spaltet Designer und Typografen. Auf der einen Seite steht der jahrelange Kampf für die Gleichstellung des Eszett und dessen Aufrücken in die Reihen der anderen Großbuchstaben und auf der anderen Seite, diejenigen, die ein großes ß als unästhetisch und völlig unnötig ansehen.

So stellt sich natürlich die Frage, wie sieht dieses ominöse große „ß“ denn eigentlich aus? Und warum ist dieser Großbuchstabe so besonders? Und wie ist es so weit gekommen, dass sich zwei Lager – pro und contra großes Eszett – entwickelt haben? Was sind die Argumente der jeweiligen Seiten und wo kommt dieser etwas eigenwillige Buchstabe eigentlich her?

GIF Animation des Wortes Eszett

Das ß – eine Eigenart der deutschen Sprache

Beginnen wir ganz am Anfang mit der eigentlichen Entstehung des ß. Vorneweg, das ß (Eszett) ist eine Eigenart der deutschen Schriftsprache und irgendwie auch einfach typisch Deutsch. Weltweit wird es in keiner anderen Sprache benutzt. Sogar die Schweizer haben den etwas sonderbaren Buchstaben in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts aus ihrem Alphabet verbannt. Aber die Entstehungsgeschichte dieses Buchstabens geht wesentlich weiter zurück.

Von ca. 500 bis 800 nach Christus vollzog sich die zweite germanische Lautverschiebung unter anderem auch im heutigen Deutschland. Vereinfacht ausgedrückt versteht man darunter, dass die Menschen über Jahrhunderte hinweg immer wieder ihre Aussprache durch verschiedene Einflüsse verändert haben und sich so die verschiedenen Sprachen entwickelt haben. Im Gegensatz zu vielen anderen germanischen Sprachen veränderten die „Deutschen“ damals um einiges öfter ihre Aussprache und so entstand ca. im 14. Jahrhundert ein scharfer S-Laut, der an verschiedenen Stellen ein „t“ ersetzte.

Im Englischen entwickelte sich beispielsweise mehr oder weniger gegensätzlich zum scharfen s ein weiches „t“ wie bei „that“. In der damals verwendeten Frakturschrift (wenn man überhaupt schreiben konnte) wurde das „ß“ in einer Buchstabenkombination aus dem „langen s“ (ſ) „z“ und „s“ dargestellt. Also ist das „ß“ vermutlich im Ursprung eine Ligatur.

Unter einer Ligatur oder auch Buchstabenverbund versteht man die Verschmelzung zweier oder mehrerer Buchstaben einer Satzschrift zu einer neuen Glyphe.

Beispiele:
oe → œ
ae → æ
et → &
fs → ß

Die korrekte Verwendung des ß – Auf Ausnahmeregelung folgt Sonderfall

Mit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert entstand dann final der eigenständige Buchstabe „ß“. Allerdings gab es den Buchstaben nur in der Kleinschreib-Version, da es sowohl damals als auch bis heute, keine deutschen Wörter mit einem „ß“ am Anfang gab,­ sah man keine Notwendigkeit eines Großbuchstabens. Nun sind viele Jahrhunderte vergangen und das „ß“ ist immer noch Teil der deutschen Sprache. Die Verwendung des „ß“ ist allerdings nicht so einfach, denn um den sonderbaren Buchstaben gibt es zahlreiche Ausnahmeregelungen in der Verwendung.

Ein schönes Beispiel ist das Wort „Maus“: Maus wird immer mit einem normalen s geschrieben, obwohl es genau so scharf ausgesprochen wird wie das Wort „weiß“. Von Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 90er Jahre kam das „ß“ zum Beispiel nach langen Vokalen zum Einsatz (z. B. Straße, Maß) oder nach Doppelvokalen (z. B. heißen). Nach der Rechtschreibreform im Jahr 1996 wird nach einem Vokal und vor einem Konsonanten ein „s“ (z. B. Frust, Knast) verwendet. Kurze Konsonanten dagegen bekommen ein „ss“ (z. B. müssen, Kuss).

Großes und kleines ß in Woertern

Die Verwendung des Buchstabens ist nur ein Teil der Problematik rund um das Eszett – was uns zum nächsten und eigentlichen Punkt dieses Blogs bringt: der Großbuchstabe des ß. In der Typografie gilt die Regel, dass das „ß“ im Versalsatz (also in der Großschreibung) immer durch ein „ss“ aufgelöst wird. Ein kleines „ß“ ist hier also nicht zulässig. Diese Regel entspricht der deutschen Rechtschreibung, ist allerdings nur so halb überzeugend, denn eigentlich handelt es sich bei dem Eszett ja um eine Ligatur aus „s“ und „z“ und somit ist eine Übertragung auf „ss“ eigentlich falsch.

Das ß außerhalb von Deutschland

Trotz der hinkenden Rechtfertigung der Regeln, bilden sie einen Rahmen, in dem man sich im normalen Schriftverkehr gut bewegen kann, problematisch bleibt es allerdings bei Orts- oder Familiennamen. Oftmals entstehen durch die Umwandlung von „ß“ in „ss“ Probleme bei der Benutzung von Ausweisdokumenten im internationalen Raum (dieses Problem ist natürlich auch für Menschen mit einem Umlaut im Namen nichts neues). Häufig werden die entsprechenden Namen durch die Änderung der Buchstaben schlichtweg falsch geschrieben.

Im gemischten Schriftsatz wird das „ß“ nur durch ein „ss“ ersetzt, wenn die verwendete Schriftart (wir gehen hier von der Nutzung eines Computers aus) nicht über ein „ß“ verfügt. Generell ist das Eszett (außer in Deutschland und Österreich) nicht geläufig. Beispielsweise bei Software, die international genutzt wird (z. B. bei Buchungstools), wird ein „ß“ automatisch durch ein „ss“ ersetzt oder anderenfalls wird eine Fehlermeldung ausgegeben. Es ist also nicht so leicht international mit dem etwas kuriosen Buchstaben zu kommunizieren.

Wieso brauchen wir nun plötzlich ein großes Eszett?

Nun aber zurück zur Entscheidung vom 29.06.2017. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde in Deutschland vornehmlich in gebrochener Schrift gesetzt (Buchdruck). Wegen der teilweise ornamentalen und sehr ausladenden Verzierung der Großbuchstaben am Wortanfang, wurden keine Worte komplett in Versal gesetzt. Durch die Weiterentwicklung der Schrift und verschiedenen gestalterischen Trends und Stilrichtungen wurde die Verwendung kompletter Wörter in Großbuchstaben immer populärer.

So klaffte plötzlich eine Lücke im Alphabet der deutschen Großbuchstaben. Im Juni 2017 wurde diese Lücke nun geschlossen und somit das große „ẞ“ offiziell Teil der deutschen Großbuchstaben und darf nun auch so verwendet werden. Jedoch verfügt nicht jede Schriftart über die große Version dieses Buchstabens (warum sollte beispielsweise ein amerikanischer Schriftgestalter auch ein Eszett entwickeln?).

Unterschied großes und kleines ß

Wie sieht dieser neue Buchstabe nun aus und was unterscheidet ihn von seiner kleinen Version?

Am deutlichsten zu erkennen ist der Unterschied des kleinen und großen Eszett an der Geometrie der Buchstaben an der Oberlänge. Das große „ẞ“ versucht sich durch eher eckige Formen und die gleiche Höhe des gesamten Buchstabens an die anderen Großbuchstaben anzupassen. Im Vergleich dazu zeigt der Kleinbuchstabe des „ß“ gestalterisch wesentlich mehr Ähnlichkeit mit den Rundungen des kleinen „b“ oder „d“ auf.

Hier noch einmal im direkten Vergleich:
Das kleine Eszett: ß
Das große Eszett: ẞ

Das klingt eigentlich alles nach einer schlüssigen Lösung für den fehlenden Buchstaben im Alphabet der Großbuchstaben. Jedoch stoßen sich viele Typografen daran, dass in Versalschreibweise oftmals fälschlicherweise der Kleinbuchstabe zum Einsatz kommt und so das Schriftbild zerstört. Generell ist das „ß“ schon umringt von Regeln und Richtlinien für seinen Einsatz, die Frage, die vielmals gestellt wird: erleichtert eine Großbuchstabenversion dieses Buchstaben wirklich die Benutzung im Alltag oder wird so alles nochmal eine Stufe komplizierter?

Mein Fazit zum großen Eszett

Abschließend lässt sich sagen, dass das Eszett wohl immer ein kontroverser Buchstabe im deutschen Sprachgebrauch bleiben wird. Es wird sicherlich noch etwas dauern, bis sich die Großbuchstabenversion etabliert hat und den Weg in den Alltag eines jeden gefunden hat. Zu Beginn erstmal eine Aufgabe: versuchen Sie doch mal ein großes ẞ auf Ihrer Tastatur einzugeben. Auch die geliebte Shift-Taste ist hier leider keine Hilfe. Aber kein Problem es gibt ja einige Tastenkürzel dafür … einen für Mac, einen für Geräte ab Windows 8, für ältere Geräte … die Verwirrung um das Eszett wird passenderweise auch hier fortgeführt.

Julia Koellnberger Art Director Teammitglied Muenchen

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mein Name ist Julia und ich bin bei Weder & Noch im Bereich Art Direction tätig. Ich freue mich über Feedback oder Ihre Kontaktaufnahme. Wenn Sie mehr über uns als Agentur erfahren wollen, werfen Sie doch einen Blick auf unsere Seite.