Blog Social Media Konsumprodukt vs. Informationsplattform

März 2022

Konsumprodukt vs. Informationsplattform

Was Schokolade mit Nachrichten gemein hat

Lesezeit: 7 Minuten

Titelbild Blog Konsumprodukt vs. Informationsplattform

Der Umgang mit Informationsüberflutung

Ich beobachte diese Informationsüberflutung nun schon seit März 2020: Vor allem mit Beginn der Pandemie wurden Nachrichten zum Hauptgesprächsthema in jeglichem Kontext: Inzidenz-Entwicklung, Krankheitsverlauf, Todeszahlen, Maßnahmen etc. gepaart mit Theorien, die man aus der Social Media Plattform seiner Wahl entnommen oder von einem Bekannten gehört hat. Nachrichten wurden wie das Wetter zum Smalltalk Thema Nummer eins. Und – ganz klar – handelte es sich dabei um eine reelle Bedrohung! Natürlich ist es auch wichtig sich darüber zu informieren. Aber muss es 24/7 den Alltag bestimmen?

Informationsüberflutung

Das Internet bietet eine unerschöpfliche Informationsquelle: Nachrichten-Seiten aus aller Welt, die Erweiterung durch das Teilen von diesen auf sämtlichen Social Media Plattformen und noch so viel mehr. Wir werden tagtäglich mit Abertausenden von News informiert oder viel mehr überschüttet. Das nennt man Informationsüberflutung, Datensmog oder auch neustens Doomscrolling.

Die Treiber dafür sind die Nachrichten und die Sozialen Medien. Um die eingehende Frage zu beantworten, was Nachrichten und Schokolade gemein haben: Es sind beides Konsumprodukte. Denn, wie Isabell Prophet eingehend in Ihrem Podcast Rush Hour sagt, „Nachrichten und Social Media sind nicht gemacht, um euch zu informieren. Sie sind nicht gemacht, damit ihr ein gutes Leben führt. Nachrichten und Social Media sind Systeme, die sich selbst füttern und ihr füttert sie auch.“ Schauen wir uns also die beiden Medien genauer an:

Informationsquelle Nachrichten
Hinter jeder Nachrichten-Seite stehen Redaktionen mit unzähligen Redakteuren. Alle wollen zum eigenen Fachbereich informative und aktuelle Nachrichten veröffentlichen. Kombiniert mit der heutigen Schnelllebigkeit des Internets entsteht der Druck ständig neue Geschichten zu erzählen. Natürlich wahrheitsgetreu und ohne jegliches Detail auszulassen, da ansonsten der Wettbewerber besser informiert. Und als Informationsquelle ist man natürlich darauf angewiesen, dass sich die Bevölkerung auf der eigenen Seite informiert. Dahinter steckt die Integrität jedes Journalisten, aber auch wirtschaftliche KPIs, wie die Anzahl der Konsumenten, die Verweildauer dieser etc.

Dabei sind die Nachrichten-Seiten nun nicht die Schuldigen, denn dies ist ihre Aufgabe und ihr Geschäft. Um zu verdeutlichen, wo das Problem liegt, hier eine sogenannte „Milchmädchenrechnung“: Es gab ihm Jahr 2020 über 11.000 Redakteure bei Tages- und Wochenzeitungen (Quelle). Das sind bei ca. 350 Tages- und Wochenzeitungen, ca. 30 Redakteure pro Portal.

Wenn Sie sich also nur über ein Portal informieren, dann haben 30 Menschen die Informationen zusammengetragen, die Sie nun im Detail konsumieren und verarbeiten. Die Realität sieht aber meist anders aus und die Quellen sind deutlich vielfältiger. Sie als Einzelperson konsumieren die Informationen, all die Details zu allen Themenfeldern von jedem Redakteur, teilweise auch länderübergreifend, und sollen diese dann aufnehmen und verarbeiten?!

Informationsquelle Social Media
Der ein oder andere mag nun die Hände über den Kopf zusammenschlagen, aber Plattformen bieten eine Vielzahl an Informationsquellen an. Ob das nun wahrheitsgetreu ist oder nicht, bleibt offen. Facebook hat einen eigenen News Bereich, Freunde teilen auf den Social Media Plattformen Artikel und Meinungen für die Öffentlichkeit, Personen des öffentlichen Lebens auch. Die Nachrichten aus aller Welt machen hier keinen Stopp mehr, sondern werden hier sogar weiterverbreitet und erreichen dadurch noch viel mehr Leser als die ursprüngliche Eilmeldung. Zusätzlich kann hier jeder nicht nur Konsument, sondern auch Produzent sein.

Das heißt jeder kann hier öffentlich seine/ihre Meinung, Ansichten und „Was-wäre-wenn-Szenarien“ publizieren. Oftmals wird diese ohne weitere Prüfung von jemand anderen durch das „Teilen“ weiter kommuniziert. Somit kommen zu der Informationsflut aus Nachrichten auch noch sämtliche Meinungen und Theorien aus dem Social Web hinzu.

Überflutung vs. Isolation

Im Mai 2020 steckte ich selbst in der Informationsüberflutung fest und habe die Auswirkungen am eigenen Leib erlebt: Antriebslosigkeit, Panik, ständige Müdigkeit und vor allem wenig Freude am eigenen Leben! Ein „Einfach nur durch den Tag kommen“ wurde zum Lebensmotto. Das mag sich jetzt sehr dramatisch anhören, aber die eigene Psyche war angegriffen.

Diese Veränderung habe ich bei einigen Menschen in meinem Umkreis auch gesehen. Und damals sprachen wir „nur“ über eine Pandemie. Die aktuelle Situation in der Ukraine ist viel bedrohlicher und verheerender. Wie also nicht in Angststarre durch Überflutung verfallen ohne die Augen vor den aktuellen Geschehnissen zu verschließen? Wie kann man dann damit umgehen?!

SPOILER!
Dieser Blog-Artikel wird keine Anleitung zur „Life-Changing-Experience“, es wird lediglich ein Einblick, wie ich damit umgehe und was für mich gut funktioniert. Vielleicht hilft es dem einen oder anderen einen Schritt zurück zu gehen und einen guten Weg für sich selbst daraus zu finden.

Um meinen Weg zu verstehen ist es wichtig zu wissen, dass ich bis dato mehr oder weniger 24/7 online war. Der erste Griff ging morgens zum Handy: Newsticker checken, aufstehen und Zähne putzen, dabei wird Instagram und Facebook überflogen, Duschen und Kaffee machen, bei der ersten Zigarette werden die Emails abgerufen. Smartwatch ans Handgelenk und jegliche „Notification on“ und los geht’s in den Tag. Schlagzeilen lesen ist so nebenbei auch möglich.

Das mag für den einen oder anderen extrem klingen, für andere sich aber wie ein Spiegel anfühlen. Nun aber zurück zum Thema: Mein Umgang damit. Was habe ich im Mai 2020 für mich selbst geändert?

1. Pull statt Push
Ich habe jegliche Push-Benachrichtigung ausgeschaltet. Keine Newsticker Benachrichtigung. Keine ständige Ablenkung durch neue Informationen mehr. Das „zufällige“ Informieren fiel in meinem Alltag weg. Vielmehr war es meine bewusste Entscheidung mich zu einem Zeitpunkt am Tag selektiv zu informieren: Was passiert aktuell in der Welt?! Ich habe mir einen Überblick verschafft, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Ich habe mir die Informationen eben gezielt gezogen (pull) statt damit überhäuft zu werden (push). Die tagesaktuellen Inzidenz-Werte habe ich dabei beispielsweise nicht mehr angesehen, weil diese Information mir keine Mehrwert brachte.

2. Local statt Global
An der damaligen weltweiten Bedrohung konnte ich nichts ändern. Generell kann man gegen die meisten negativen Nachrichten nichts tun. Der Weltschmerz ist global. Man kann sich allerdings um sein eigenes Umfeld kümmern. Damals beispielsweise mit einem Überraschungspaket an Familie und Freunde. Drin war Kniffel Extreme und sorgte für etliche gemeinsame Spieleabende.

Oder die Überraschungs-Einkaufsliste an Freunde und das anschließende gemeinsame Kochen und Essen. Alles in Isolation, natürlich über Videotelefonie. Heute so banal, aber damals ein Stückchen Normalität, wenn auch anders! Genau das braucht die aktuelle Situation aber auch: Wo können wir lokal durch Spenden oder gemeinnütziges Arbeiten helfen? Informiert euch in eurer Umgebung, was benötigt wird und packt an, damit die, die jetzt unsere Hilfe benötigen, ein Stückchen Normalität verspüren, wenn auch eben drastisch anders.

3. Me, Myself and I
Stellt euch selbst und eure Psyche an die erste Stelle. Konsumiert von allem nur so viel, wie ihr könnt und vor allem verarbeiten könnt. Entflogt digital Menschen oder Seiten, die euch nicht gut tun. Lasst euer Umfeld wissen, wenn ihr aktuell nicht Smalltalk über den Weltschmerz machen möchtet. Denn wenn ihr euch selbst überfordert und mit Informationen erdrückt, bringt das keinem etwas.

Resümee

In gewisser Weise isoliert man sich dadurch natürlich. Der Satz „Wie? Hast du das gar nicht mitbekommen?“ fällt beim Mittagessen beispielsweise des Öfteren. Und die Antwort ist schlichtweg „nein“. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass man auch nicht alles im Detail wissen muss, denn gesammelt sorgt das alles nur für eine vollumfängliche Angst. Je detailreicher die Information, desto detailreicher die „Was-wäre-wenn-Szenarien“ in unseren Köpfen, die durch die Ängste entstehen.

Bei mir, als sehr visuellem Menschen, führt dies zu detailreich ausgeschmücktem Kopf-Kino in Full HD! Weitererzählt durch die „Was-wäre-wenn-Szenarien“ aus dem Social Web. Diese Szenarien führen zu schlechterem Schlaf und verschlechtert das Immunsystem, auch erhöht sich dadurch der Puls und die Nervosität steigt. Wir werden unkonzentriert. Durch etwas was frei erfundene Szenarien sind, die so meist gar nicht eintreten und trotzdem persönlich sehr belastend sind.

Daher sind die genauen Details über Nachrichten aus aller Welt für mich gebannt. Heute würde man es wohl „Doomscrolling-Ban“ nennen. Auch aus diesem Grund habe ich mittlerweile meine Smartwatch komplett abgelegt. Denn was ich aktuell wissen muss, sind weder Debatten über Sprit-Preise, neue HSV-Spieler oder den Verdi-Streik am Flughafen Hamburg. Vielmehr sollte ich wissen, wo kann ich was tun, um Menschen zu helfen. Und dafür brauche ich keine 24/7 Nachrichten und Social Media News.

steffi k

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mein Name ist Steffi und ich bin bei Weder & Noch im Bereich Account- und Projektmanagement & Head of Social Media tätig. Ich freue mich über Feedback oder Ihre Kontaktaufnahme. Wenn Sie mehr über uns als Agentur erfahren wollen, werfen Sie doch einen Blick auf unsere Seite.